Vom Churer Rheintal ins Prättigau… und zurück

Endlich hat es geklappt! Schon 2019 wollten wir vom Churer Rheintal ins Prättigau reiten. Wir kamen allerdings nur bis auf die Alp Stams. Der Abstieg über die Sayser Alp zum Laubenzug war nicht möglich. Es lagen noch zu hohe Schneeverwehungen, deren Oberfläche gefroren waren, unter denen aber bereits Schmelzwasser durchfloss. Die Pferde brachen durch den Schnee ein und weil wir den Weg noch nicht kannten, war es uns zu riskant. Wir assen auf der Alp einen Salsiz und ein Stück Käse, tranken ein Bier, genossen die Aussicht runter ins Rheintal und ritten zurück nach Trimmis.

Wir waren also vernünftig und sind umgedreht. Das heisst jedoch nicht, dass es nicht an unserem Ehrgeiz nagte und deshalb mussten wir es dieses Jahr noch einmal versuchen. Aber wir haben dazu gelernt und warteten dieses Mal bis anfangs Juli.

Wie jeder gute Wanderreittag begann auch dieser mit zwei Tassen Kaffee… und damit, dass wir Evita vor dem Satteln morgens um sechs erst einmal waschen mussten, weil sie direkt im Kuhfladen geschlafen hatte. In nur anderthalb Stunden waren wir auf der Alp Stams und hatten einen Aufstieg von über 1’000 Höhenmetern geschafft. Die Pferde zogen in einer bemerkenswerten Geschwindigkeit vom Stall los und den Berg hoch, wohl auch, weil sie noch nicht ahnten, dass es dieses Mal von Stams aus noch weitergehen würde, viel weiter.

Stams ist eine Alp, die eher einem kleinen Dorf gleicht. Entlang der Alpstrasse steht Alphütte an Alphütte und in einer davon befindet sich ein kleines Bergrestaurant. Dort hatten wir uns auf einen Kaffee gefreut. Allerdings lagen umgekippte Tonkrüge und Biergläser auf einem Tisch in der Ecke und das ganze Alpdörfchen schlief noch. Der Morgennebel hing über dem Pass, uns fröstelte und wir ritten weiter.

Den folgenden Teil sind wir zuvor noch nie geritten. Über die Sayser Alp runter führt ein Wanderweg und eine Fahrstrasse quer durch die Alpweiden. Der Boden war durch die Niederschläge der letzten Tage sehr nass und die Weiden sind teilweise sehr steil, deshalb entschieden wir uns für die sanfter verlaufende Fahrstrasse. Nach nur 100 Metern stand vor uns mitten auf dem Weg eine Mutterkuhherde. Die Herde setzte sich in Bewegung, als wir uns näherten, und ging auf dem Weg vor uns her. Merceditas nahm sofort eine ganz andere Körperhaltung ein und war wieder in ihrem Element als Gauchopferd.

Wir hofften, dass wir bald auf den Abschnitt treffen würden, wo der Zaun offen war und die Kühe wieder auf die Weide konnten. Doch er kam und kam nicht. Hin und wieder drückte sich die ein oder andere Kuh und ein paar Kälber an uns vorbei und schauten uns nach. Der Rest aber blieb vor uns zusammen. Die hintersten Kühe trieben die vorderen an und die Herde drängelte sich durch elektrische Viehschranken und dem durch Zäune mehr oder weniger eingefassten Weg entlang. Wir hielten Abstand, aber folgten ihnen weiter.

Auf der Alp Zanutsch blieben die Kühe schliesslich doch vor einer Viehschranke stehen. Wir hoben einen Weidezaun an und führten die Pferde unten durch. Ich wartete mit ihnen dort, während Walter einen Umweg über die Weide machte, um die Kühe von vorne auf dem Weg an den Pferden vorbei zurückzutreiben. Stattdessen begannen die Kühe sich durch eine Lücke im Zaun zu drängen und der Weg war für uns endlich frei.

Von der Alp Zanutsch führt der Weg weit nach hinten ins Tal. Eine wunderschöne Strecke mit steilen Alpweiden rechts vom Weg, auf denen die Kühe grasen, und schroffen Felswänden links auf der anderen Talseite. Nach dem wir den Schranggabach überquert hatten, ritten wir wieder talauswärts vorbei an der Alp Laubenzug, wo sich fünfzig Schweine vergnügt in der Wiese tummelten, vorbei an einem Wildhasen, der uns lange nicht bemerkte, weil er seit dem Alpabzug im letzten Herbst keinen Menschen mehr gesehen hatte, und vorbei an kleinen Alphütten, die über keinen Stromanschluss verfügen und nur wenige Monate im Jahr genutzt werden.

Weiter unten im Tal bogen wir rechts ab, um auf der anderen Talseite wieder hochzureiten. Den ersten Wanderweg wollten wir nicht hochreiten, weil er uns zu steil schien. Im Nachhinein war das wohl ein Fehler. Die Besitzer einer Alphütte, ein älteres Ehepaar, das kurz vor 12 auf der Terrasse ihres Maiensäss sass und Aperol Spritz trank, rieten uns zu einem Weg, der über Kälberweiden und dann durch den Wald führe. Wahrscheinlich sind sie den Weg schon länger nicht mehr gegangen, denn er stellte sich als der steilste Weg raus, den wir je geritten sind, dabei mussten die Pferde über Wurzelstöcke springen und darauf achten, dass sie auf dem feuchten Waldboden nicht rutschten. Evita und Merceditas bewiesen einmal mehr, wie sehr man sich auf sie verlassen kann. Dennoch würden wir den Weg kein zweites Mal reiten.

Im Berghaus Scära machten wir Mittagspause. Wir wurden sehr herzlich begrüsst, auch weil die Wirtin selber Reiterin ist, wie sich später herausstellte. Die Pause brauchten die Pferde und wir, um uns vom anspruchsvollen Aufstieg zu erholen.

Scära liegt sehr idyllisch auf einer Hochebene umgeben nur von Alpweiden und einigen Alphütten. Wir setzten uns an einen Tisch und die Pferde standen abgezäumt neben uns. Sie grasten nicht, sondern nickten gleich ein. Beim Wanderreiten haben sie gelernt, dass sie Pausen am besten nützen, um sich zu erholen. Ein wenig Wasser genügte ihnen da schon. Wir tranken auch erst einmal etwas und bestellten dann noch ein kaltes Plättli, denn wir hatten an dem Tag noch nichts gegessen.

Endlich konnten wir uns aufwärmen, bis zur Mittagspause trugen wir nämlich immer noch unsere Pullover. Am Morgen war es erst neblig-kühl, danach waren wir in höher gelegenen Wäldern unterwegs. Nun sassen wir in der Sonne und genossen den Moment. Wegen den über 30 Kilometer Nachhauseweg vor uns mussten wir nach dem Mittagessen wieder aufbrechen.

Die letzte Strecke ging von Scära hinunter nach Jenaz im Prättigau, der Landquart entlang bis ins Rheintal und dieses talaufwärts vorbei am Schloss Marschlins und durch die Zizerser Weinberge bis Trimmis.

Kurz vor 10 Uhr abends waren wir zurück. Die Pferde durften raus auf die Weide und wir waren zum Abendessen bei meinen Eltern eingeladen, die auf uns bis abends um 11 mit dem Essen gewartet hatten. ❤

Am nächsten Tag bekamen Merceditas und Evita in der Früh schon ihre erste Kraftfutterration. Nach dem Frühstück ritten wir eine kleine Schrittrunde mit ihnen durch den Churer Fürstenwald, um ihre (und unsere) Beine zu lockern. Erst danach durften sie noch einmal eine richtige Portion Kraftfutter fressen, die sie sich nach 64 Kilometern bei über 2’000 Höhenmetern in zwei Tagen mehr als verdient hatten!

Anja

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