Sommerferien 2020: Zwei Mal über die Alpen – Teil 2

In der ersten Woche ritten wir einmal quer durch Graubünden (mehr dazu hier). Was wir in unserer zweiten Ferienwoche machten? Natürlich zurückreiten…

Etappe 8: Buffalora > Scuol

Vom Restaurant Buffalora ritten wir erst hoch zum Ofenpass, wo es eine Cola für uns und eine kleine Pause im Schatten für Tucker gab. Von da aus mussten wir noch mal knapp 250 Höhenmeter erklimmen. Das Team von San Jon hatte uns gute Tipps bezüglich der Route gegeben. Leider irrten wir uns an einer Abzweigung. Was sonst nicht weiter schlimm ist, kann in den Bergen ganz schön ungemütlich werden. Wir fanden uns auf einem schmalen und teilweise sehr steilen Pfad wieder, bei dem die Felswand rechts davon schroff abfiel – kein Weg, den man reiten möchte. Merceditas und Evita taten, was sie am besten können. Sie stiegen trittsicher und ruhig Meter um Meter hoch und liessen sich nicht beirren. Dennoch waren wir froh, als der Weg endlich wieder breiter und die Landschaft offener wurde.

Über die Alp da Munt gelangten wir auf eine fantastische Hochebene, wo wir durch Kuhherden ritten, bevor wir wieder zur Alp Astras hinabstiegen, von wo aus wir den uns von Etappe 6 bekannten Weg durch das Val S-Charl zurück nach Son Jon nahmen. Dort kamen wir nach viereinhalb Stunden Reitzeit an und es fühlten sich fast schon an, wie nach Hause zu kommen.

Etappe 9: Scuol > Guarda

In unserer ursprünglichen Rittplanung wollten wir diese Etappe und jene vom Folgetag in einem Tag machten. Auf dem Weg das Engadin hinunter in der Woche zuvor merkten wir jedoch, dass die Etappe zu lang wäre und wir wollten sie bei den nach wie vor hohen Temperaturen Hund und Pferden nicht zumuten.

Als wir einige Tage zuvor durch Guarda ritten, rief uns jemand von einem Haus oberhalb der Strasse zu, dass wir uns melden dürften, falls wir je in der Gegend eine Übernachtung brauchten. Tja, ein paar Tage später merkten wir, dass wir sie tatsächlich brauchten! Auf Google Maps machten wir einen Nachbarn ausfindig, der im Telefonbuch zu finden war. Er wusste sofort, wen wir suchten, gab uns die Nummer und Christina lud uns umgehend ein, als wir sie anriefen.

Die Strecke kannten wir bereits von der Vorwoche. Nach nur knapp dreieinhalb Stunden Reitzeit erreichten wir Guarda. Erst versorgten wir natürlich die Pferde, dann richteten wir unser Nachtlager in der Garage her. Anja war am späteren Nachmittag auf ihrer Isomatte schon kurz eingenickt, als es an der Türe klopften. Es war der 1. August, Schweizer Nationalfeiertag, und Christina und ihre Familie fragten uns, ob wir nicht zumindest ein Gläschen Wein miteinander trinken wollten. Wir freuten uns sehr und im Nu hatten sie für uns ein Grillfest vorbereitet. So lernten wir einmal mehr durch das Wanderreiten ganz aussergewöhnliche Leute kennen.

Etappe 10: Guarda > S-chanf

Am zehnten Tag ritten wir dem Inn entlang talaufwärts, verliessen das Unterengadin und kamen nach knapp fünf Stunden nach S-chanf im Oberengadin. In S-chanf fanden wir die Möglichkeit, die Pferde in Boxen unterzubringen, und wir nahmen uns ausnahmsweise ein Hotelzimmer. Das Wetter hatte komplett umgeschlagen und nur wenig höher hatte es angefangen zu schneien. Die nächsten zwei Etappen würden uns auf den höchsten Punkt unserer Tour bringen. Deshalb entschieden wir, einen Pausetag einzulegen. Glücklicherweise hatten wir ein wenig Puffer für solche Fälle eingerechnet. Die Pferde durften tagsüber auf die Weide und wir mal einfach nichts tun und viel essen!

Etappe 11: S-Chanf > Alp Funtauna

Die nächste Etappe war recht kurz, gerade mal knappe zwei Stunden, also perfekt um nach dem Pausentag zurück in unseren Rhythmus zu finden. Allerdings kamen wir sehr bald erst in Regen, dann zunehmend in Schneeregen. Der Wind blies heftig und es war kalt. Grundsätzlich war eine Abkühlung nach all den Tagen bei über 30 Grad nicht verkehrt, ganz so extrem hätte der Unterschied jedoch nicht sein müssen. Merceditas hatten wir gerade erst noch die Nase eingecremt (sie bekommt hin und wieder ein bisschen Sonnenbrand und deshalb teilen sich Anja und Merceditas das Eincremeritual vor dem Losreiten) und nun übernachteten sie auf einer Alp auf über 2’200 Metern draussen im Schneetreiben. Tucker und wir bekamen ein Zimmer in der Alphütte. Wir wachten aber in der Nacht ständig auf, hörten den Sturm draussen, zitterten in unseren Schlafsäcken und machten uns Sorgen um die Pferde. Als wir am Morgen endlich rauskonnten, um nach den Pferden zu sehen, dösten sie immer noch friedlich im Licht der ersten Sonnenstrahlen.

Etappe 12: Alp Funtauna > Bergün

Die Pferde hatten also dem Sturm – wie so vielen Dingen – getrotzt und waren sichtlich erfreut, dass wir wieder loszogen. Also Sattel drauf und los. Erst ritten wir das Tal hoch bis zur Keschhütte, eine wunderschöne Strecke. Auf den Gipfeln lag frischer Schnee, der Himmel war strahlend blau und die Luft klar.

Die Keschhütte bildete den höchsten Punkt unserer Tour auf fast 2’700 Metern. Oben angekommen gönnten wir uns erst einmal ein Gipfelbier. Von der Keschhütte aus hatten wir einen recht langen Abstieg nach Bergün vor uns. Auf dem Weg runter ins Tal wurde es langsam wieder wärmer und noch vor dem Talboden waren wir wieder im Hochsommer angekommen. Wir hatten also innerhalb von fünf Stunden einmal vom Winter in den Sommer gewechselt.

In Bergün durften wir die Pferde zu Angela stellen, die selber eine Criollostute hat und Merceditas, Evita und Anja schon von früheren Ritten kennt, als sie auch bei ihr übernachten durften. Die Pferde konnten sofort auf die Weide und wir wurden zum Kaffee eingeladen, einmal mehr ein ausgesprochen herzlicher Empfang für Ross und Reiter!

Etappe 13: Bergün > Lenzerheide

Am folgenden Tag ritten wir zunächst das Albutal runter. Wir waren euphorisch, hatten wir doch die steilsten und längsten Abschnitte gemeinsam gut hinter uns gebracht.

Kurz vor Tiefencastel, wirklich nur wenige Meter Luftlinie davor, standen wir vor einer Brücke, die abgerutscht war. Auf dem Abhang darüber hatte sich ein Trampelpfad gebildet, den Mountainbiker nutzten. Anja war skeptisch, ob das für die Pferde sicher wäre, Walter meinte, es würde gehen. Letztlich hielten wir uns an unsere goldene Wanderreitregel: Hat einer von uns ein schlechtes Gefühl bei einem Weg, kehren wir alle zusammen um!

Wir drehten also eine Extrarunde, bevor wir über Brienz/Brinzauls und Lantsch/Lenz nach fünf Stunden auf die Lenzerheide kamen. Merceditas und Evita hatten in den Jahren zuvor immer wieder ein paar Wochen auf Weiden bei einer Bauernfamilie auf der Lenzerheide verbracht und wir durften sie auch während dieses Rittes auf einer dieser Weide übernachten lassen.

Etappe 14: Lenzerheide > Trimmis

Der letzte Tag war ein Heimspiel, weil wir diesen Weg im Jahr zuvor schon in umgekehrter Richtung geritten waren. Damals waren Evita und Merceditas von Chur bis hoch auf die Lenzerheide durchgetrabt. Alle Vorschläge, es etwas gemütlicher anzugehen, stiessen bei ihnen auf mässige Begeisterung. Bergab ging es nun natürlich im Schritt. Erst ritten wir auf kleinen und grösseren Pfaden bis Churwalden und dann den Polenweg hinunter nach Chur. In Chur wollten wir mit einem Glas Wein darauf anstossen, dass alles gut geklappt hatte und es allen fünf gut ging. Mitten in den Sommerferien schien aber nichts geöffnet zu haben, dafür bekamen Merceditas und Evita ein paar Ecken der Churer Altstadt zu sehen.

Die allerletzten Meter führten uns durch den Fürstenwald, über die Wittenen und zurück nach Trimmis mit dem Blick auf Stams, wo wir zwei Wochen zuvor auf unserer ersten Etappe hochgeritten waren. In Trimmis, wo wir nach viereinhalb Stunden Reitzeit ankamen, wurden die Pferde von Anjas Eltern mit einem grossen Sack Karotten und Tucker mit einer Wurst empfangen. Nachdem alle versorgt waren, konnten wir endlich auf unser Expeditionsteam anstossen.

Die Pferde hatten uns in zwei Wochen fast 350 Kilometer durch den Kanton getragen und dabei fast 10’000 Höhenkilometer bewältigt. Und Tucker war bei allem mit dabei! Unsere drei Tiere hatten mit uns bei der grössten Hitze oberhalb der Baumgrenze Schatten vermisst und waren mit uns im Schneeregen unterwegs. Wir hatten viel Spass miteinander und irgendwann hatte sich wohl jeder im Team über jeden mal genervt. Doch am Ende merkten wir, dass wir als Team noch ein wenig enger zusammengerückt waren.

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